Das Klingende Schnapsdepot

Im Mississippi-Delta ist der Blues zu Hause, Hier Trifft Man

A llerorts auf Spuren der Großen Musiker

Der Mann hat Gold im Mund. Nicht, dass Super Chikan ein wahnsinnig begnadeter Sänger wäre. Doch wenn er lacht, blitzen seine Goldzähne mit den Augen um die Wette. Der Musiker nimmt seine Gitarre vom Knie und klappt sie auf. Zum Vorschein kommen eine Whiskeyflasche und ein Slider, auch Bottleneck genannt. Die Metallhülse wird über den Ringfinger gestülpt, um den Saiten jenen wimmernden Klang zu entlocken, der den Blues so melancholisch macht. "Früher haben wir unser Spielzeug selbst gebastelt", erzählt der Mann, der eigentlich James Johnson heißt. "Wir waren viele Kinder und konnten uns nichts leisten. Also bauten wir Traktoren aus Draht oder kleine Lastwagen aus Schuhschachteln."

Heute macht Super Chikan sein Spielzeug immer noch selbst. Die rechteckige Gitarre mit dem Schnapsdepot ist aus einer Montecristo-Zigarrenkiste gemacht und rundum mit Glitzersteinen beklebt. Auch Benzinkanister oder Motorradtanks geben gute Gitarren ab, meint der Musiker und hält ein bunt schillerndes Kunstwerk ins Licht: "Die hier ist aus einem Deckenventilator. Als er durchbrannte, habe ich ein Instrument daraus gebastelt. Es ist rund wie ein Banjo mit einem Gitarrenhals - also ein Guijo."

Mit seinen selbst kreierten Gitarren ist Super Chikan in den Bluesclubs am Mississippi ein gefragter Musiker. Seine Goldzähne trägt er wie ein Zeichen für den neuen Optimismus der Afroamerikaner, doch der Mann kennt auch andere Zeiten. Mehr als hundert Jahre dauerte der Kampf der Schwarzen um ihre Rechte, und das Mississippi-Delta zählt immer noch zu den ärmsten Regionen der USA. Seinen authentischsten Ausdruck fand das Leben seit jeher in der Musik. Der Blues werde nicht geschrieben, sondern geboren, heißt es. Und wo hätte diese mal klagende, mal lebensfrohe, mal melancholische, mal übermütige Musik das Licht der Welt erblicken können, wenn nicht hier, im Mississippi-Delta, jener mythischen Landschaft südlich von Memphis. Ol" Man River, der große alte Fluss, war seit jeher Segen und Fluch zugleich. Er brachte den Menschen Wasser und fruchtbaren Boden, aber auch Malaria und Gelbfieber. Jedes Jahr trat er über die Ufer, überschwemmte Tausende Quadratkilometer Land. Delta nennt man diesen Landstrich deshalb, weil er als Schwemmland aus den mäandernden Flussarmen entstand. Vom Meer ist man hier noch ein paar hundert Kilometer entfernt.

Mitte des 19. Jahrhunderts ließen sich weiße Siedler im Delta nieder und legten die Sümpfe trocken, um Baumwolle anzubauen, damals eines der wertvollsten Handelsgüter der Welt. Durch die späte Besiedlung blieb die Region weitgehend von der Sklaverei verschont, aber dennoch war der aufwendige Anbau ohne die Arbeitskraft der Schwarzen nicht denkbar. Die meisten fristeten als Pächter ein ärmliches Dasein: Sie arbeiteten auf fremdem Land mit fremden Zugtieren und fremdem Werkzeug. Als Pachtzins mussten sie einen Teil ihrer Ernte abgeben, oft auch mehr, als sie überhaupt einnahmen. Ihr Leben unterschied sich nicht allzu sehr von der Sklaverei.

Einzige Abwechslung im bitteren Alltag war die Musik. Aus Wohnzimmern wurden Blueskneipen, überall entstanden Juke Joints, jene einfachen Musikclubs mit einer kleinen Bühne und ein paar Stühlen. Man sang sich die Sorgen von der Seele. "Aber glauben Sie bloß nicht, dass der Blues nur traurig ist", sagt Luther Brown, Leiter des Kulturzentrums an der Delta State University in Cleveland. "Die Musik drückt das ganze Leben aus, und es gibt nichts, was nicht besungen wird. Wir haben kürzlich einen Brunch veranstaltet nur mit Lebensmitteln, die in Bluessongs verewigt sind", sagt Brown und lacht. "Es gibt Songs über Kekse und Kartoffeln, über Würstchen und über Soße. Aber sehr viele Lieder feiern auch einfach das Leben. Sie erzählen von Juke Joints, von Partys und davon, eine gute Zeit zu haben."

Dass der Staat Mississippi die Kultur der Schwarzen ernst nimmt, zeigt eine bislang einzigartige Errungenschaft: Um örtliche Musikkultur zu fördern, wurde per Gesetz 2004 die Mississippi Blues Commission ins Leben gerufen. So entstand auch der Mississippi Blues Trail, eine Reiseroute auf den Spuren des Blues, die man im ganzen Staat an den sogenannten Blues Markers erkennt. Die blauen Informationstafeln an historisch bedeutenden Orten erzählen von Personen und Ereignissen rund um die Musik im Staat. Etwa 50 Tafeln wurden schon aufgestellt, 140 sollen es werden. Die größte Dichte an historischen Blues-Orten finden Fans am Highway 61, dem Blues Highway, der von Tunica ganz im Nordwesten des Staates Mississippi nach Süden führt.

Als Geburtsort des Blues gilt Dockery Farms in der Nähe von Cleveland. Auf der Baumwollplantage am Sunflower River arbeiteten in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bis zu 3000 Menschen. Die Bauern wurden hier besser und ehrlicher bezahlt als anderswo, es gab Schulen für die Kinder und viel Freiraum. Wer immer konnte, versuchte hier Arbeit zu finden, und so kam mit seinen Eltern auch der neunjährige Charley Patton auf die Farm. Er sollte der erste Bluesmusiker werden, von dem es Aufnahmen gibt, der "Vater des Blues". Dockery entwickelte sich zum kreativen Zentrum, zog Musiker an wie der Fluss die Moskitos, darunter auch spätere Bluesgrößen wie Robert Johnson, Bukka White, Son House und Howlin" Wolf.

Nicht weit von hier bei Merigold ist Po" Monkey"s Lounge wohl einer der letzten echten Juke Joints im Mississippi-Delta. Die Blueskneipe, die wirklich die Bezeichnung "Schuppen" verdient, liegt allein auf weiter Flur. Man fährt kilometerweit durch Soja- und Baumwollfelder, wähnt sich fast schon verloren und steht plötzlich vor einer über und über mit Konzertplakaten beklebten Holzhütte. Die windschiefe Bude beherbergt eine Partyhöhle mit geblümten Plastiktischdecken, Lichterketten, Papierlampions. Von der Decke hängen Plüschtiere, dazwischen mehrere Fernseher mit einem Geflimmer aus Barack Obama, Wettervorhersage und Fitnessgymnastik. Den Besitzer, der eigentlich Willie Seaberry heißt, kennen alle nur als Po" Monkey. Der "Arme Affe" wirft sich jeden Donnerstagabend in skurrile Outfits und öffnet seine Lounge für Musikfreaks. Meistens legt ein DJ auf, zu besonderen Anlässen gibt es auch Live-Musik - "aber ausschließlich Blues", wie Po" Monkey betont.

Wie lange er den Juke Joint schon betreibt, weiß Po" Monkey selbst nicht mehr so genau. 40 oder 50 Jahre, meint er, müssten es wohl sein, seine Verwandten waren alle Baumwollpflücker hier in den Feldern. Bis 1944 eine technische Revolution das Leben der ganzen Region radikal veränderte: Auf der Hopson Plantation bei Clarksdale wurde damals die erste Maschine vorgestellt, die so viel Baumwolle ernten konnte wie 50 Arbeiter.

Im ehemaligen Güterbahnhof von Clarksdale ist heute das Delta Blues Museum untergebracht, eine Ausstellung über Leben und Musik im Mississippi-Delta. Stolz des Museums ist die wieder aufgebaute Baumwollpflückerhütte von Muddy Waters. Genau nebenan hat der Schauspieler Morgan Freeman seinen Ground Zero Club eröffnet, eine wilde Spelunke für Südstaatenmusik, und wer in Clarksdale nächtigen will, kann im Riverside Hotel sein Haupt auf die Kissen berühmter Musiker betten. Hier schliefen John Lee Hooker, Sam Cooke, Aretha Franklin und der Bürgerrechtler Martin Luther King. In Zimmer 2 starb 1937 nach einem Unfall die Sängerin Bessy Smith, als das Haus noch ein Hospital für Schwarze war. Es heißt, ein besser ausgestattetes Krankenhaus für Weiße habe ihr die Aufnahme verweigert.

Magische Anziehungskraft übt in Clarksdale aber vor allem ein Geschichtenmix aus Fakten und Legende aus. An einer Kreuzung der Highways 49 und 61 soll der Musiker Robert Johnson dem Teufel seine Seele verkauft haben. Der Deal: Gibst du mir deine Seele, kriegst du dafür flinke Finger auf der Gitarre. Was in jener Nacht tatsächlich geschah, weiß niemand. Jedenfalls berichten Zeitzeugen, dass Johnson zunächst eher leidlich auf seinem Instrument zu klimpern vermochte. Nach einer Auszeit aber wuselten seine Finger über die Saiten wie die Mäuse durchs Baumwollfeld. An der legendären Kreuzung steht heute eine Skulptur aus blauen Blechgitarren.

Auch in Greenwood, südöstlich von Clarksdale, schmückt man sich gern mit Robert Johnson. Der hielt sich als junger Mann häufig hier auf, denn in den Kneipen und auf der Straße des Baumwollzentrums war für Musiker durchaus Geld zu holen. Johnson starb 1938 im Alter von nur 27 Jahren, wahrscheinlich vergiftet vom eifersüchtigen Gatten seiner Geliebten. Sein Grab auf einem Friedhof außerhalb von Greenwood ist für seine Fans ein wahres Pilgerziel, an dem sie gern auch mal mit Gitarre sitzen und Musik machen.

Schon zu Lebzeiten kann dagegen B. B. King die Huldigungen seiner Fans entgegennehmen. Am 13. September 2008 wurde das B. B. King Museum in Indianola eingeweiht als eines der wenigen Museen, die einen noch lebenden Musiker ehren. Multimedial werden hier auch Zusammenhänge hergestellt zwischen Boden, Baumwolle und Blues, zwischen Hautfarbe, Haben und Nicht-Haben, es dokumentiert den langen Kampf der Afroamerikaner von bitterer Unterdrückung bis zu der Zeit, als Barack Obama Präsident der Vereinigten Staaten werden konnte.

B. B. King ist mittlerweile 83 und absolviert immer noch jährlich bis zu 100 Auftritte. "Ich hoffe", so gibt er seinem jungen Publikum mit auf den Weg, "dass dieses Haus auch die Menschen erreicht, die keine gute Ausbildung haben, und die jungen Leute, die Bildung nicht für notwendig halten. Denn wenn wir nicht lernen, haben wir keine Chance." Und dann erzählt er, dass er sich bis heute zweitklassig fühle, weil er keine gute Ausbildung habe. "Ich kann einfach nicht richtig ausdrücken, was ich sagen möchte. Deshalb soll das Museum möglichst viel von dem vermitteln, was ich gern rübergebracht hätte." B. B. hat feuchte Augen. Aber dass der Mann sich nicht ausdrücken kann, wollen seine Fans nicht gelten lassen. B. B. King hat seine eigene Sprache: den Blues. MARION TRUTTER

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